Pfarrer
Emeritus – von Pflichten entbunden, zur Kür befreit
Über dreißig Jahre Gemeindearbeit liegen hinter mir. Eine herausfordernde, wunderbare Zeit mit tollen Begegnungen mitten im Kreuzberger Kiez. Als Pfarrer emeritus werde ich auch weiterhin gelegentlich taufen, trauen und bestatten und in verschiedenen Gemeinden Gottesdienstvertretungen wahrnehmen.
im Ehrenamt
Im Friedhofsverband Berlin Stadtmitte engagiere ich mich für die Weiterentwicklung der Friedhofskultur und helfe, die Berliner Friedhofslandschaft als kulturellen Schatz der Hauptstadt erfahrbar zu machen. Friedhöfe sind für mich ein guter Ort vom Leben zu predigen. Sommerpredigten im Mausoleum Spinn, der Ewigkeitssonntag im November und der zweite Ostertag sind gute Gelegenheiten dazu,
im Verein
Im Rahmen von Einkehr e.V. finden in Rosengarten bei Frankfurt(Oder) regelmäßig Einkehrtage statt. Neben spirituellen Themen lade ich zu Pilgerwanderungen zum Kloster Neuzelle, Kanufahrten auf der
Oder und Exerzitien auf der Straße ein.
im Einsatz
Zu den ganz besonderen Herausforderungen gehören meine Einsätze als Notfallseelsorger. Wir essen gerade zu Abend und das Telefon klingelt. Von der Einsatzzentrale bekomme ich eine Adresse genannt und werde gebeten, die dort wartenden Polizisten beim Überbringen einer Todesnachricht zu begleiten. Wenn die Polizei bereits wieder ihrem Dienst nachgehen muss, bleibe ich, mache einen Tee, höre zu, helfe dabei, die ersten Stunden zu überstehen.
...der Gott, an den ich glaube – oder: worauf vertraue ich?
"Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Jesaja 42,3
Ich habe erlebt, dass Tröstungen, die vollmundig, vielleicht sogar mit einem Bibelspruch daherkommen traurig oder sogar wütend machen. Billigen Trost sollte man sich schenken, sonst bekommt man die verdiente Abfuhr: „Bleib mir weg mit deinen Sprüchen. Wenn du wüsstest wie es um mich steht, du würdest schweigen.“ Oft klingen zitierte Bibelworte so, als wolle der Tröster sich damit selber trösten. Aber: das Schilfrohr bricht, die glimmende Kerze verlischt. So ist die Welt. Und doch steht da dieser Satz des Propheten. Und ich frage mich, wie er zu trösten vermag, ohne die Wirklichkeit zu leugnen? Ich denke, die Zusage Gottes besteht darin, dass nicht ER uns zerbricht und auslöscht. Es ist die Befestigung der Zusage, die Gott nach der Sintflut mit dem Regenbogen in den Himmel gesetzt hat: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.“ Eine Welt, die uns Freiheit schenkt und gleichzeitig ohne Leid ist, die gibt es nicht. Freiheit setzt die Möglichkeit des Scheiterns voraus. Die Naturgesetze gelten, so wie auch die Gesetze der Ökonomie. Der Stärkere hat gute Chancen sich durchzusetzen. In der Natur, auf dem Sportplatz, in der Wirtschaft, im Krieg. Wer dies leugnet, muss bitter enttäuscht werden. Den Bauern um Thomas Münzer in der Zeit der Reformation erging es so. Mit Sense und Dreschflegel stellten sie sich einem gut gerüsteten Heer entgegen. Sie wussten, sie waren im Recht. Sie kämpften gegen die Unterdrückung durch Adel und Klerus und wähnten Gott auf ihrer Seite. Doch sie waren hoffnungslos unterlegen und wurden erbarmungslos niedergemetzelt. Der Satz, dass Gott das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöscht, kann mich nur dadurch trösten, dass Gott verspricht: „ICH bleibe an deiner Seite, ICH werde dich nicht zu Fall bringen." Von einem Gott im Himmel, der alles lenkt und steuert, müsste man mehr erwarten können. Doch diesen Gott gibt es nicht. Ein Gott, der als Aufrührer am Kreuz endet, der selbst am Ende zerbrochen und ausgelöscht wird, ist anders zu denken als von einem großen Weltenlenker im Hintergrund. Es ist leider so, die Rechnungen, die wir hier auf Erden anstellen, gehen selten auf. Das Scheitern ist Teil unseres Lebens. Und in Jesus Christus scheitert Gott selbst am Weltgetriebe, er wird hingerichtet. Doch gegen alle Welterfahrung erleben seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter: Jesus lebt. Es gibt etwas unzerstörbares, von Gott selbst verbürgt, das nicht auszulöschen ist. Ein verrückter Gedanke ist das. Ich kann jede und jeden verstehen, die ihn für zu absurd halten, um ihn zu teilen. Aber ich freue mich für alle, die ihn sich zu Eigen machen können. In gewisser Weise sind diese Menschen unverwundbar, selbst in der Niederlage. Und für sie gilt der Satz des Propheten Jesaja am Ende doch: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“
Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Genesis 3,1-6
Anlass dieser Predigt sind eine Trauung und eine Taufe und mein ein Stichwort heißt: Vertrauen! Ich beginne bei Adam und Eva. Die paradiesische Harmonie des Anfangs fand recht bald ein jähes Ende: Adam und Eva haben gegen die göttliche Regel verstoßen und bekamen Platzverweis, weil sie gesündigt haben, so hieß es in meiner Konfirmandenzeit. Zu kurz gegriffen und irrtumsanfällig, finde ich. Entscheidend ist nicht ihr Ungehorsam. Die beiden haben das Paradies verlassen, indem sie zu zweifeln begannen. Se haben das Vertrauen verloren: zuerst in Gott, dann aneinander, und schließlich vielleicht sogar schon ganz zu Beginn an sich selbst. Ein Leben jenseits von Eden liegt nun vor ihnen. Die Bibel spricht von der Härte der Arbeit und der Mühe des Gebärens, doch das ist in Wahrheit nachrangig und führt ebenfalls zu Fehlschlüssen. So wie die Überlegung, dass die Sünde das Problem war und durch regelbasiertes Wohlverhalten zu korrigieren wäre. Nein, das Grundproblem von Adam und Eva war der Zweifel und der daraus resultierende Vertrauensverlust. Sollte es Gott wirklich gut mit euch meinen?, so flüstert die Schlange ihnen ein, und setzt einen Prozess in Gang, der bis heute unser Leben zu dominieren sucht. Selbst da, wo es keinen Gott mehr gibt. Da heißt die Frage dann: bin ich überhaupt gewollt, bin ich liebenswert, bin ich liebesfähig, worauf kann ich vertrauen, wie gewinne ich Sicherheit? Und jetzt die Überraschung – ich blicke auf Jesus! Jesus tritt tatsächlich in die Welt, als hätte es diesen Gotteszweifel in seinem Leben nicht gegeben. Er sagt Papa zu Gott und vertraut. An dem großen Kampf der frommen Leute: wie schaffe ich mir einen gnädigen Gott?, beteiligt er sich nicht. Er weiß, dass man den nicht schaffen kann, gar nicht schaffen muss. Gott ist für dich da und du bist gut, so wie du bist, und wer im Vertrauen darauf sein Leben lebt, ist angekommen. So lebt Jesus, so lehrt Jesus. • Ihr Lieben, nun vom Grundsätzlichen zum Speziellen. Mein Professor Christoph Demke hat viel doziert in den fünf Jahren meines Studiums, hängen geblieben ist mir ein Nebensatz, den er gar nicht erinnerte, als ich ihn später einmal darauf ansprach. In einer Anmerkung zum „Hohen Lied der Liebe“ im Korintherbrief sagte er: „Die Liebe geht kaputt, wenn man sie auf die Probe stellt, und zwar dadurch, dass man sie auf die Probe stellt.“ Da ist er wieder, der kaputtmachende Zweifel. Er ist so mächtig, weil man ihm eigentlich nicht gewachsen sein kann. Er hat immer eine noch offene Unterstellung im Köcher. Vielleicht habe ich mich mit der einen Vermutung getäuscht, aber da ist ja noch dies und jenes. Ein zersetzendes Spiel, das kein Ende findet. Wir geraten in den Strudel, von dem die Urgeschichte von Adam und Eva erzählen will. Wir zerstören unsere Beziehung zum Partner und zu uns selbst. Letztlich verlieren wir unser Vertrauen in die Welt, in der wir leben. Wie aber schafft es Jesus, diesem Zweifel keinen Raum zu geben, so frage ich, wenn ich auf seine Biografie schaue? Einfach so, muss ich feststellen. Er geht ohne Angst durch die Welt. Er vertraut. Und die Welt antwortet zumeist freundlich. Der Zöllner wird zum Gastgeber, die Aussätzigen werden zu Freunden und die Fremden zu Vertrauten. Jesus sieht das von Gott gewollte und in seinem Kern liebenswerte Menschenkind, wo wir tausend Macken und Gefahren erblicken. Doch dieses Urvertrauen Jesu wird nicht zum Eiapopeia, Jesus bleibt angefeindet, wird verfolgt, am Ende umgebracht. Das alles passiert, aber es korrumpiert seinen Blick nicht, lässt ihn nicht einmal zweifeln, an der Güte, die sein Leben bestimmt. Sein Vertrauen ist grundsätzlicher Natur und ist durch seine Widersacher nicht auszuhebeln. Jesus begegnet der Welt mit Wohlwollen und eröffnet Lebensräume. Manchmal verständnislos, dabei aber nachsichtig, wenn er selbst über seine Henker sagt: „Sie wissen nicht was sie tun!“ Ihr Lieben, hilft uns das? Wir sind in nicht vom heiligen Geist gezeugt und mit diesem Übermaß an Urvertrauen ausgestattet. Wir haben Mütter, die nicht wie Maria ebenfalls aus der Kette menschlicher Erblast befreit waren. Wir sind Zweiflerinnen und Zweifler mit verletzten Seelen. Doch nicht nur. Wir sind mehr als nur zweifelnde, mit sich und der Welt hadernde Menschen. Ihr kennt vielleicht die Geschichte, dass in uns zwei Wölfe wohnen, ein gutartiger und ein bösartiger. Auf die Frage, welcher denn die Oberhand gewinnt lautet die Antwort:- der, den ihr füttert. Ja, der Zweifel gehört zu uns. Er hat seinen Platz in alltäglichen Entscheidungen. Aber, das was uns letztendlich leitet, sollte vom Vertrauen bestimmt sein und dem vielleicht noch strauchelnden Gegenüber helfen, sich zu stabilisieren, wieder Halt zu finden. • Nun zur zweiten Vertiefung. Wir feiern heute nicht nur eure Trauung, wir feiern auch eine Taufe. Und auch da bleibe ich beim Thema: Vertrauen. Jesus nannte Gott „Papa“. Ganz vertraulich. Und in der Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt er, was er sich von einem guten Vater erwartet. Und nun ist es keine Anbiederung an der Zeitgeist, wenn ich darauf hinweise, dass wir hier nun immer beide zu denken haben, Vater und Mutter. Vater und Mutter sind die Grundsäulen unseres Menschseins, selbst wenn sich das in einzelnen Biografien anders gestaltet, so bleiben diese archaischen Bilder von der Mutter und dem Vater, von Mama und Papa in uns eingeschrieben und sind abrufbar bis ins hohe Alter, wie ich an manchem Sterbebett eines hochbetagten Menschen erfahren durfte. Liebes Brautpaar, so wie das gegenseitige Vertrauen zwischen euch die Grundbedingung eines gelingenden Zusammenlebens ist, so ist das Vertrauen, mit dem ihr euer Kind ins Leben begleitet, das Fundament auf dem sich dessen Leben aufbauen wird. Ihr Lieben, ihr wolltet neben der standesamtlichen Hochzeit den Segen der kirchlichen Trauung und der Taufe eures Sohnes. Und da liegt es nahe, dieses „Mehr“ noch einmal ausdrücklich zu benennen. Es liegt für mich genau in diesem Vertrauensgrund, von dem Jesus her seine Botschaft entfaltet. Unser gegenseitiges Vertrauen wird immer an Grenzen stoßen, immer wieder wird sich der Zweifel durch schlechte Erfahrungen, durch verletzende Worte, durch wirre Projektionen zu entfalten suchen. Immer bleiben wir einander etwas schuldig, als Paare, wie auch als Eltern. Das „Mehr“ einer Taufe und einer kirchlichen Trauung liegt aus meiner Sicht darin begründet, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass der Zuspruch, den Gott uns entgegenbringt unverbrüchlich ist. Wir sind von Gott geliebt und für Wert befunden, vor aller Leistung und trotz aller Schuld, so sage ich bei jeder Taufzeremonie und daran will ich erinnern auch bei der Trauung. Darauf dürfen wir vertrauen, darauf dürfen wir uns verlassen, auch dann wenn uns selbst gelegentlich die Zweifel von Adam und Eva einzuholen drohen. AMEN